Montag, 20. März 2017

Warum ich Watoto nicht wieder besuchen würde

So, jetzt geht es mal wieder um etwas anderes als meine Ernährung *lach*

Die Überschrift für diesen Artikel ist krass. Aber meine Erfahrung in Uganda war auch krass. Und ich würde tatsächlich nicht mehr zu Watoto oder irgendeinem anderen Kinderheim gehen und viel Geld spenden.

Wir haben ein Wochenprogramm bei Watoto gebucht, als wir letztes Jahr in Uganda waren.
Wir waren beeindruckt, von dem, was wir von Watoto wussten. Auf der ganzen Welt reisen Kinder-Chöre umher um Spenden zu generieren und Watoto, ein Kinderheim das von einem kanadischen Ehepaar gegründet wurde und mittlerweile mehrere Standorte in Uganda hat, bekannter zu machen. Das besondere an Watoto ist, dass die Kinder in kleinen "Familien" wohnen. Eine Mutter wohnt mit bis zu 8 Kindern in einem Haus im Watoto Dorf. Der Aufbau ist ähnlich wie in einem SOS-Kinderdorf, die es auch in Deutschland gibt. Und die Dörfer sind schön! Es ist sauber und gepflegt, die Häuser sind aus Stein gebaut, die Kinder haben saubere Kleidung an.



 Wir starteten unser Programm nach einer Erholungswoche in Jinja und nach dem Muskathlon. Wir hatten also schon ein Stückchen von Uganda kennen gelernt. Und da sieht es definitiv auch ganz ganz anders aus, meistens schon auf der anderen Zaunseite außerhalb eines Watoto Dorfs.
Jeden Tag wurden wir von einem Fahrer abgeholt, um die Arbeit von Watoto kennen zu lernen. An einem Tag halfen wir bei einem Gartenbauprojekt für eine ältere Dame, an einem Tag besuchten wir den Gottesdienst der riesigen Watoto Church in Kampala, an einem anderen Tag halfen wir praktisch: Tobi malte Fensterrahmen an und ich half in der Kleinkindgruppe des Kinderheims.

Die größeren Kinder leben mit einer Mutter in einer Familie. Doch die Kleinkinder nicht. Erst ab 3 Jahren kommen sie in eine "richtige Familie". Und mir hat es fast mein Herz zerrissen. Geplant war, dass ich den ganzen Tag dort bin, mit einer kurzen Mittagspause. Doch ich habe es nicht ausgehalten und bin nach der Mittagspause einfach nicht zurück gekommen. Ich weiß, sehr schwach und feige. Aber so habe ich mich gefühlt: schwach, machtlos, klein. Meine kritischen Nachfragen führten zu nichts. Meine Versuche, die Kinder auf den Arm zu nehmen wurden unterbunden. Ich war zu emotional und konnte nicht mehr klar denken.

Wieder zuhause sah ich, dass es keine Kinderheime geben müsste, wenn 7% von 2 Milliarden Christen ein Kind adoptieren würden, dann gäbe es keine Waisen mehr.
auf Pinterest gefunden
Nunja, ich denke diese Statistik hinkt. Denn nicht alle Kinder, die in einem Waisenhaus sind, sind tatsächlich Waisen. Und nicht alle Waisen sind statistisch erfasst. Die genaue Zahl an Kindern, die ohne ihre Eltern oder nicht in einer Familie leben, ist also eigentlich nicht bekannt.

Das fühlte sich alles nicht richtig an. 

Und dann sah ich dieses Video. (leider auf englisch) Und ich weinte, weil ich so entsetzt war. Entsetzt, dass wir Menschen Dinge einfach glauben, ohne zu hinterfragen. Dass wir durch unser Helfenwollen manches scheinbar noch schlimmer machen. Und überhaupt, dass anscheinend alles so außer Kontrolle geraten ist, auf dieser Welt.
In dem Video spricht die Australierin Tara Winkler darüber, dass Kinderheime abgeschafft werden sollten. Sie selbst voluntierte in einem Waisenheim in Kambodscha und nachdem sie feststellte, dass der Leiter nicht nur korrupt war, sondern die Kinder auch missbrauchte, gründete sie sogar selbst ein Waisenhaus.
Als sie die Sprache besser lernte erkannte sie immer mehr, dass fast kein Kind, das bei ihr lebte, wirklich Waise war oder keinen Verwandten hatte, der sich kümmern würde. Auch in Uganda wurde uns das so im Abide Family Center berichtet.
Sehr viele Kinder, die in Waisenhäusern leben, sind keine Waisen.
Das ist erschreckend.  Und traurig. Denn der Grund, aus dem die Kinder nicht in ihrer Familie aufwachsen können, ist fast immer eine finanzielle Entscheidung. Wenn eine Mutter entscheiden muss, ob ihr Kind verhungert oder nicht bei ihr aufwächst, entscheidet sie sich natürlich (aus Liebe!) für ein Waisenhaus.
Doch das sollte nicht der Ansatz sein.
Heute wissen wir, dass es für ein Kind fast immer am allerbesten ist, in seiner Familie aufzuwachsen.
Das wirkt sich in vielerlei Hinsicht auf die psychische und physische Gesundheit aus. Doch in vielen Ländern Asiens und Afrikas wachsen Generationen auf, die elterliche Liebe und Fürsorge nicht kennen und vermutlich dann auch ihren eigenen Kindern später nicht geben können.
Die Zahl der Kinder, die in Waisenhäusern lebt, ist erschreckend. Tara Winkler erzählt, dass die Zahl der Kinder in Waisenhäusern in Uganda seit 1992 um über 1000% gestiegen ist! Und das, obwohl in Uganda Probleme wie Aids und Krieg, die wirkliche Waisen schaffen, immer mehr zurück gehen.
Ich kann es nicht so leidenschaftlich und wortgewandt ausdrücken wie Tara Winkler, obwohl mein Herz brennt!
Nun, der Grund, warum dieses System funktioniert, sind wir: Menschen, die Gutes tun wollen, die Kinderheime besuchen oder Geld spenden oder sogar gründen. 
Das zu realisieren ist wie ein Schlag ins Gesicht. Bei Watoto zu sein, nachdem ich im Abide Family Center alles darüber gehört habe, dass Familien aus finanzieller Not heraus kaputt gehen, hat mich an eine emotionale und psychische Grenze gebracht. Doch wir konnten unseren Aufenthalt auch nicht mehr stornieren und sagten uns, dass wir uns selbst ein Bild machen sollten.

Jetzt ist es mir umso wichtiger, darauf aufmerksam zu machen. Überlege dir gut, was für eine Organisation du unterstützt. Dass wir unseren Reichtum teilen sollen, das steht für mich außer Frage. Aber ich will mein Geld gut investieren und Menschen und Familien damit dienen. Nicht sie zerstören.

Hilfen, die ich persönlich kenne und euch wirklich ans Herz legen kann, sind Compassion (weltweit) und das Abide Family Center (Uganda). Beide Organisationen setzen sich dafür ein, dass Familien bzw. die Kinder in der Familie unterstützt werden, statt sie herauszulösen. 
wir besuchen die Familie von unserem Patenkind

Es war mir so ein Herzensanliegen, das mit euch zu teilen. Ich weiß, viel zu lesen, aber ich hoffe, du hast bis hier durchgehalten :) Ich freue mich über deine Gedank
en dazu :)

Love,
Anni


1 Kommentar:

  1. Hallo Annika,
    das macht sprachlos. Hintergründe die "man" gar nicht erfährt. Daher deine zurückhaltende Haltung, in unserem kurzen Gespräch über Unterstützung in Länderen wie diesem. Es braucht diese Aufklärung und noch besser, wenn die Person- die davon erzählt persönlich bekannt ist. Eine gute sinnbringende Aufgabe, diese Erlebnisse in die Welt zu tragen. Danke dir dafür! LG Andrea D.

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